TABU-Geschichten

Um ihre literarischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, sollten die Schülerinnen und Schüler der 9d ein Kurzgeschichte schreiben. Doch nicht einfach irgendeine Kurzgeschichte. Jede Schülerin und jeder Schüler bekam eine TABU-Karte mit der Aufgabe, alle vier Begriffe dieser Karte so in ihre Geschichte einfließen zu lassen, dass der geneigte Leser nicht mehr erkennen kann, welche Begriffe dies waren. Eine Herausforderung, denn diese Begriffe haben rein gar nichts miteinander zu tun! Ein Beispiel gefällig: Ronaldo, Geistesblitz, Kleingärtner, Apfelwein.

F. Mehlis

Hier eine kleine Kostprobe:

2146 

Wir schreiben das Jahr 2146. Der Kassettenrekorder läuft. Gerade kommt „Another one bites the dust“ von, ja von wem eigentlich, nun das weiß keiner so genau. Ich fand die Kassette bei einer meiner Erkundungstouren durch die immer gleichbleibend Wüstenlandschaft der einst so grünen Erde. Die Erde, die mal von so unterschiedlichen Menschen besiedelt wurde, dass man sich dies heutzutage gar nicht mehr vorstellen kann! Wenn ich mich recht erinnere, war das Wort dafür „multikulturell“. Natürlich gibt es auch heute noch Personen, die sich mehr zu bestimmten Gruppen zugehörig fühlen, aber schon lange nicht mehr so häufig wie früher. Man kann nicht mehr fest behaupten, dass man Asiat, weiß, schwarz oder blau gestreift ist, abgesehen davon, dass es auch niemanden interessiert. Dies liegt daran, dass sich die Weltbevölkerung in den letzten tausend Jahren um mehr als die Hälfte reduziert hat und die Menschheit mittlerweile wirklich Besseres zu tun hat, als sich über die Hautfarbe oder Nationalität eines anderen Gedanken zu machen. Zum Beispiel diesen Dreckklumpen von Erde wieder aufzubauen. Tja, nur leider ignorieren es die, die es schaffen könnten einfach, die Reichen, der sogenannte Rest der  zivilisierten Bevölkerung. Es gibt nur noch die, die in SAUMAGEN leben und den Rest. Zur kurzen Erklärung: SAUMAGEN ist die letzte Stadt auf Erden. Dort leben sie, die Bevölkerung, das Ministerium, die, die blind sind vor Ignoranz, ein schönes Leben in einer Festung, während wir im Dreck verdursten.

Ich trete gegen den Tisch. Aus dem Lautsprecher kommen nun Quietschgeräusche, bis der Ton wieder in eine angenehme Melodie wechselt. „Oh Baby, Baby“ tönt es aus der rostigen Schrottkiste. Pablo erscheint zwischen den roten bodenlangen Tüchern, die das Toben des Sandsturms draußen von der ruhigen Atmosphäre innerhalb der alten Metallscheune ausgrenzen sollen. „Britney Spears?“, fragt er in einem ironischen Tonfall. Ich lächle ihn schief an „Mein Lieblingssong“. Er schlägt mit der Faust gegen das Mad-Max ähnliche Gefährt im Zentrum des ruinenartigen Gebildes. „Hast du Trockeneis besorgt?“ (Kurze Anmerkung: Dies ist seit 2100 die wichtigste und gleichzeitig meist begehrteste Ressource. Sie ist gleichzustellen mit unserem Wasser, Strom, Benzin, der Kohle und was es sonst noch so gibt. Ok, weiter gehts!) „Nein, der Froster will sich in ein paar Stunden mit mir vor den Stadtmauern treffen und mir für 50 Kronix einen Beutel verkaufen.“„50 Kronix!“ schreit Pablo empört. Ich gucke auf den Boden „Er ist der einzige, der noch mit Rebellen handelt.“ „Na Gut!“ sagt der einzige Freund, den ich noch auf dieser Erde habe, mürrisch und reicht mir einen Beutel, der bei seiner Übergabe leicht klimpert. Ich mache mich daran, das riesige Stalltor aufzuschieben. Ich kneife die Augen zusammen und setze meine coole Retrosonnenbrille auf. Ich lasse mich auf den Sitz des Trucks fallen und mache die Tür zu. „Sei vorsichtig!“ Ich lasse den Motor aufheulen „Bin ich doch immer...“ 

(Schülerin der Klasse 9d)
Grenze – Salvador Dalí – Januar- Stiefmütterchen 

Obwohl es schon Januar war, hatte es in diesem Winter noch kein einziges Mal geschneit. Aber es war kalt. Sehr kalt. Trotz Daunendecke und Sitzheizung fror Mack in seinem Auto. Gerade war er auf dem Weg zur Grenze, seinem Arbeitsplatz. Er war nämlich Zöllner.

Eigentlich genoss er die Fahrt immer. Die Straße führte durch eine wunderschöne Hügellandschaft, vorbei am großen Bergsee, der in der Sonne glitzerte und einer grandiosen Aussicht auf die Berggipfel. Heute jedoch nahm er nichts davon wahr. Er konnte nichts davon wahrnehmen.  In seinem Kopf prangten auf einmal wieder die Bilder von früher auf. Vor genau 15 Jahren war es passiert. Plötzlich sah er sich selbst wieder, wie er sich eines Nachts als Kind aus dem Haus geschlichen hatte. Er wusste noch genau wie er sich gefühlt hatte, als er den kleinen Blumenladen seiner Eltern betrat. Zum ersten Mal hatte ihm der Anblick der vielen Tulpen, Rosen, Stiefmütterchen und Dahlien kein Lächeln ins Gesicht zaubern können und der ihm sonst so vertraute Duft roch fremd. Vor seinem inneren Auge sah Mack, wie sein früheres Ich zu dem kleinen Holzschränkchen lief. Sein Vater hatte es selbst gebaut und mit einem Passwort gesichert. Sogar daran konnte er sich auf einmal wieder erinnern. Es hieß wie der Lieblingskünstler seiner Mutter: Salvador Dalí. Die zerfließenden Uhren des Künstlers hatten sie immer inspiriert, die Dinge, die sie liebte und die ihr wirklich wichtig waren, jetzt zu tun, ehe die Zeit dafür verschmolzen war. Mack musste lächeln, als er an seine Mutter dachte. Er vermisste sie. Doch dann sah er das Gesicht seines Vaters vor sich. Obwohl es dunkel gewesen war, hatte er die Wut in seinen Augen erkennen können und die Enttäuschung über seinen eigenen Sohn. Das war das letzte Mal, dass Mack seinen Vater gesehen hatte.

Ein hupendes Auto ließ Mack aufschrecken und holte ihn wieder in die Realität zurück. Er spürte, dass er zitterte, aber ob es an dem Schrecken der Erinnerung oder der eisigen Kälte lag, wusste er nicht. Es war schon komisch, die ganzen Jahre zuvor hatte er gar nicht mehr an die Vergangenheit gedacht, aber genau heute, nach 15 Jahren, kam alles wieder hoch. Er konnte sich wieder an alles erinnern, als wäre es erst gestern passiert. Nur nicht daran, warum er es getan hatte. Und er fragte sich, was aus Samuel geworden war.

Doch seine Gedanken musste er nun erst einmal  beiseite schieben.

Schon viel zu lange wie er fand - es waren bereits zwei Stunden vergangen - saß Mack in seinem Zollhäuschen. Bisher hatten nur zwei harmlose Kleinwagen die Grenze passiert. Normalerweise hätte er sich noch mit den Fahrern unterhalten, aber heute war ihm nicht danach. Die ganze Zeit hatte er das Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Warum war er in den Laden seiner Eltern gegangen? Warum hatte er seine Eltern und vor allem seinen Vater so sehr enttäuschen müssen?

Wieder wurde Mack aus seinen Gedanken gerissen. Diesmal war es ein heranbrausender schwarzer Lkw. Mack öffnete die Schranke, während er sich erschöpft die Augen rieb und winkte das Fahrzeug durch.

Doch anstatt weiter zu fahren hielt der Lkw an und ein Mann stieg aus. Er war etwa in Macks Alter, einfach bekleidet und ziemlich abgemagert. Erst auf den zweiten Blick fiel Mack auf, dass der Mann nur ein Bein hatte. Anstelle des anderen zog er ein Holzbein hinter sich her. Unschwer konnte man erkennen, wie schwer ihm das Laufen fiel.

Der Mann humpelte direkt auf das Zollhäuschen zu und wollte etwas sagen, da fiel es Mack wie Schuppen von den Augen: Er kannte den Mann!  „Samuel?”, rief er erstaunt, „Bist du es wirklich?”

„Ja”, antwortete Samuel, „Ich bin es wirklich, Samuel Crook. Aber schau mich bitte nicht so entgeistert an. Komm her alter Freund, lass dich ansehen.”

Mack konnte es nicht glauben, noch heute hatte er sich gefragt, was aus Samuel geworden war und nun tauchte er einfach hier auf? Wie hatte er ihn gefunden?

„Du siehst echt witzig aus, wenn du verwirrt bist”, sagte Samuel belustigt, „aber rumstehen hilft nicht so viel, wenn man nach Antworten sucht. Los steig ein, damit ich dich aufklären kann.”

„Aber ich kann hier nicht weg”, widersprach Mack hastig. „Es muss doch jemand die Grenze überwachen.” Samuel verdrehte die Augen. „Du mit deiner Grenze. Wie viele Autos fahren hier täglich durch? Fünf? Ich glaube, es ist wichtiger, dass du die Wahrheit über deine Vergangenheit erfährst, als das sinnlose Überwachen dieser dämlichen Grenzstation. Und jetzt komm endlich.”

Samuel zerrte seinen Freund, so gut es ging, auf den Beifahrersitz seines LKW und stieg dann selbst ein. Mack wusste gar nicht, wie ihm geschah. Irgendwie war alles zu viel auf einmal. Aber sein Freund hatte Recht, es gab so viel, worüber er aufgeklärt werden musste. 

„Bist du bereit?”, fragte Samuel. 

„Ja, jetzt erzähl schon”, rief Mack ungeduldig, während Samuel das Fahrzeug startete.

„Aha, ich wusste es. Du bist doch neugierig.” Mack schaute ihn böse an.  

„Also gut, ich erzähl ja schon”, sagte Samuel schnell. „Es ist so, dass ich dich schon lange suche. Sehr lange sogar. Und ich muss sagen, es war sehr schwer dich zu finden.” „Aber wie hast du mich denn dann gefunden?”  hakte Mack nach. „Das erzähl ich später.”

Samuel fuhr fort: „Was dich mehr interessiert, ist wahrscheinlich, dass ich deine Mutter getroffen habe.” „Meine Mutter, sie lebt? Wie geht es ihr?”, rief Mack ungläubig.  „Das kannst du sie ja später selbst fragen, wir fahren nämlich gerade zu ihr”, antworte Samuel. „Okay, aber wie hast du denn meine Mutter gefunden” Samuel wurde ernst: „Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber der Lkw, den ich fahre, ist schwarz. Und auf der Seite ist ein weißes Kreuz. Mack, ich fahre das Auto eines Bestatters.” Fragend schaute Mack ihn an, was wollte Samuel ihm damit sagen? „Ich habe deine Mutter auf einer Beerdigung getroffen” Mack traute sich nicht zu weiterzudenken. „Es tut mir so leid, Mack”, Samuels Stimme wurde leise, „Dein Vater ist heute Morgen verstorben.” Mack schluckte. Das war es gewesen. Er hatte schon die ganze Zeit gespürt, dass etwas anders war.  Deshalb hatte ihn die Vergangenheit wieder eingeholt. Der gequälte Gesichtsausdruck seines Vaters und der Schmerz bei seinen Worten waren die letzten Erinnerungen an ihn. „Mack, was tust du nur hier”, hatte er gesagt, „Deine eigene Familie wolltest du bestehlen. Denkst du, du bist es noch würdig mein Sohn zu sein?” Schon immer hatte Mack gewusst, dass er für seinen Vater eine einzige Enttäuschung gewesen war. Seine einzigen Freunde waren schon immer seine Mutter, der einbeinige Samuel und der alte Zöllner Gregory gewesen.

Nachdem er mit Gliederschmerzen und blutigen Händen von den Schlägen seines Vaters im dunklen Lagerraum des Blumenladens erwacht war, war ihm klar, dass er nicht dort bleiben konnte. Es war kein Ort mehr, den er Zuhause nennen konnte. Ohne sich zu verabschieden, war er fortgelaufen. Seitdem hatte er bei Gregory gelebt. Der alte Mann hatte ihm die Arbeit als Zöllner erklärt und ihn versorgt. Als Gregory gestorben war, hatte Mack dann seinen Job übernommen. Eigentlich hätte er glücklich sein können, hätten ihn nicht immer wieder die Schuldgefühle gegenüber Samuel und seiner Mutter überrollt, die er einfach im Stich gelassen hatte. Samuel hatte ihn heute gefunden und fuhr ihn zu seiner Mutter. Er war ein echter Freund.

Dankbar lächelte Mack ihn an. Samuel grinste zurück.

20 Minuten später bog der schwarze LKW in den Hof von Macks Elternhaus. Vor der Tür wartete bereits seine Mutter. Sie war eine hübsche alte Dame, mit einem herzlichen Lachen. Als sie ihren Sohn erblickte, stiegen ihr Tränen in die Augen. Sie lief auf ihn zu und schloss ihn in ihre Arme. Niemand hätte ihr ein größeres Geschenk machen können, als ihren Sohn nach 15 Jahren zurückzubringen.

Nachdem sich Mack, seine Mutter und Samuel lange in der gemütlichen Küche ausgesprochen und miteinander gelacht hatten, wurde die alte Frau ernst. “Mack, ich möchte dir noch etwas geben”, sagte sie.

Gemeinsam gingen sie über den Hof zum kleinen Laden, der mittlerweile leer stand. Nur das kleine Schränkchen neben der Theke stand noch am selben Platz. Mack trat langsam hinter seiner Mutter durch die Tür. Es fühlte sich falsch an, wieder hier zu sein. Er ließ seinen Blick über die Fensterbänke schweifen, auf denen früher zahlreiche Blumen in bunten Töpfen gestanden hatten. Dann schaute er zurück zu seiner Mutter, die gerade vor dem Schränkchen kniete und das Passwort eingab: Salvador Dalí. Tu jetzt was du liebst. Tu jetzt, was wirklich wichtig ist.

Seine Mutter hatte diese Sätze gelebt. Er nicht. Da spürte er, wie ihre Hand nach seiner griff. Sie drückte ihm etwas in die Hand und flüsterte: „Mack, dein Vater war nie enttäuscht von dir. Er war enttäuscht von sich selbst und konnte damit nicht umgehen.” Eine Träne lief ihr über die Wange. „Ich möchte, dass du das Geld nimmst. Ich weiß, dass du damit jemandem etwas Gutes tun wolltest, den du liebst, der dir wirklich wichtig ist.”

Sie verließ den Laden.

Langsam öffnete Mack seine Hand und starrte auf die Scheine. Auf einmal wusste er wieder, warum er es getan hatte: für Samuel, seinen besten Freund, der immer glücklich gewesen war, obwohl er bei jeder Bewegung Schmerzen hatte. Seinem besten Freund, der alles für ihn gegeben hätte, obwohl er selbst so wenig hatte.

Seinem besten Freund, der mit ihm befreundet war, obwohl er nie etwas zurückbekommen hatte.

Mack hatte ihm einmal etwas zurückgeben wollen, ihm einmal helfen, einmal danken wollen.

Er musste es vergessen haben, nachdem sein Vater ihn bewusstlos geschlagen hatte.

Doch nun war ihm alles wieder eingefallen.

Die Aussicht von den Berggipfeln war gigantisch. Mack sah zu seinem Freund und lachte: „Samuel, ich war schon lange nicht mehr so glücklich.” Samuel blickte an sich herunter auf seine neue Beinprothese und nickte. „Ich auch nicht, Mack. Und ich bin dir sehr dankbar, dass du mir dieses Bein geschenkt hast.” Er lachte, wurde jedoch schnell wieder ernst. „Aber vergiss nie, dass du nicht mehr wert bist, wenn du etwas getan hast, was du liebst oder was wirklich wichtig ist. Und auch nicht weniger, wenn du es nicht tust. Der Wert deines Lebens bleibt, egal ob du oben auf dem Berg stehst oder unten im Tal.”

Ende 

Lisa Viereck